Lass uns Geocaching regeln…

In diesem Artikel will ich mal ein paar Gedanken bezügliche Regeln, Guidelines und eventueller Überregulierung aufschreiben. Und nebenbei habe ich wieder weit in der Vergangenheit gekramt und mal die ersten Regeln fürs Geocaching (bei gecoaching.com*) rausgesucht und die ersten paar Jahre verglichen. [Quelle dafür ist die Waybackmachine, eine Sammlung von Daten von Websites. Dabei werden nicht ständig alle Seiten gespeichert, sondern in grösseren, mal kleineren Abschnitten jeweils ein paar. Datum des Inhalts steht immer als Dateiname dabei.]

Wie ich auf dieses Thema kam, kann ich hier eigentlich gar nicht schreiben, weil es dann gleich ins politische geht. Ich versuch es mal halbwegs neutral zu formulieren: Auf einer „politischen Informationsseite“ (das „Information“ müsste ich in 20 Gänsefüsschen setzen) wird darüber berichtet, wie „aufgebläht“ der deutsche Bundestag personell und strukturell wäre. Inklusive Vergleiche zu anderen Ländern gezogen etc. Das Ganze kocht in den Socials natürlich hoch, die pro und contra Fraktionen schlagen sich wieder mal verbal die Köpfe ein. Und ich denke mir so, ja, warum sitzen da eigentlich immer mehr Leute und machen immer mehr Sachen? Warum werden Gesetze und Regeln, Steuererklärungen immer komplexer und mehr, mehr, mehr? Weil die Welt komplexer ist? Weil wir immer mehr vernetzt sind und unser „Wirkradius“ in der Welt ein grösserer ist? Weil wir in einer Art „Vorbeugestasis“ gefangen sind? Weil wir verlernt haben den gesunden Menschenverstand einzusetzen und statt eine neue Sache einfach mal (mit eben diesem Menschenverstand) auszuprobieren, die erste Frage immer lautet „Wer haftet, wenn es schief geht?“? Ist der nächste evolutionäre Schritt nach der Leistungsgesellschaft die Haftungsgesellschaft?** Und wer haftet eigentlich dafür, wenn man sich in der Einleitung zu einem Blogartikel masslos verrennt? Also schnell zurück zum Thema, Geocaching und seine Regeln.

Am Anfang war das Wort… Na ja, nicht ganz. Die ersten „Regeln“, wenn man von sowas dabei überhaupt sprechen kann, sind vom 9.11.2000 findbar und passen auf ein DIN A4 Blatt. Querformat. Und im Grunde fällt es wirklich schwer, da irgendwo eine Regel herauszulesen. Eigentlich ist das, was damals präsentiert wurde mehr unter der Rubrik „Tipps“ anzusehen. In 3 Schritten (eigentlich 4, aber Schritt 2 kommt doppelt vor. Ich persönlich hätte ja Cachebau und Cacheverstecken voneinander getrennt) wird hier erklärt, was zu tun ist und auf was man achten sollte.
Interessant auch, dass diese Regeln noch unter der Adresse [ http://www.geocaching.com/articles/making.asp ], also „making“, nicht „guideline/rule/order/law“ zu finden waren. Der Link ist übrigens nicht mehr klickbar.

Allerdings steht ein Satz drin, der für mich persönlich eigentlich alles sagt, was das Wesen und die Handlungsweisen eines Geocacheowners betrifft:

“…You’re ultimately responsible for the cache, so be responsible. –
Du bist letztendlich für den Cache verantwortlich, sei also verantwortlich. …”

Ab dem 03.06.2001, also ein knappes halbes Jahr später, sieht das schon anders aus.

Da es nicht so leicht zu erkennen ist und gerade in englischen Text schwer fallen kann, hier mal zur besseren Orientierung was sich geändert hat:

Doch von Oben nach Unten:

-Aus Stash wurde Cache. Klar, die Abgrenzung vom Originalspiel des Erfinders muss ja auch hier Einzug halten. Und eine einheitliche Namensnennung ist beim „Markenaufbau“ ja auch wichtig.

-Plötzlich verschwindet das „Vergraben“ aus der Locationplanung und wird durch ein „Verstecken“ ersetzt.

-Aus dem Einfachen „Frag nach der Erlaubnis, bevor du auf Privatgrund versteckst“ wird ein kompletter Absatz. Im Grunde bleibt dieselbe Aussage, aber es werden noch mögliche Ansprechpartner genannt und „Gesetzesbruch bei Zuwiderhandlung“ erwähnt.

-Das „nicht vergraben“ wird ausformuliert. Und gleich die Einschränkung der Nachfrage beim Landbesitzer eingebaut.

-Man hat wohl festgestellt, das Cacheverstecken das Eine ist. Cachewartung ist auch wichtig. Also wurde dieser Punkt als Nummer 4 eingebaut. Mit praktischen Tipps. Allerdings würde ich diesen Teilsatz schon irgendwie als Bedingung formuliert ansehen:

“… You’ll need to return as often as you can to ensure that your cache is not impacting the area –
Sie müssen so oft wie möglich zurückkehren, um sicherzustellen, dass der Cache keinen Einfluss auf den Bereich hat… “

Im Januar 2002 wird wieder mal an der Empfehlung geschraubt:

Sieht man auf den ersten Blick auch kaum wieder was.  Deshalb auch hier als Orientierungshilfe mit Markierungen.

Und wieder von oben nach unten:

-Die Sache mir der Lage eines Geocaches auf Privateigentum scheint noch nicht endgültig geklärt. Es muss also ergänzt werden.

-Scheinbar für das Muggeln von Geocaches zu ersten grösseren Problemen. Die Sache mit den Stashnotes steht schon von Anfang an in den Tipps. Jetzt wird ergänzt die Dosen auch von aussen eindeutig als Geocaches zu markieren mit Verweis auf die Homepage, Cachename und Kontaktinformation.

Knapp 6 Monate später, Juni 2002, Geocaching hat seinen 2. Geburtstag gerade hinter sich, wird ein kleiner aber feiner Satz mit einem Link eingebaut:

Auch hier wieder als Orientierungshilfe das rote Kästchen:

TADAA! Groundspeak hat sich selber ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Nämlich Guidelines! Und die findet man ab dato nicht mehr irgendwo, die bekommen einen eigenen Unterlink [ http://www.geocaching.com/articles/requirements.asp ]. Dort heissen sie noch “Requirements” (was ich als “Anforderung” übersetzen würde) und der Link ist natürlich auch schon lange nicht mehr klickbar. Aber hier gibt es einen Screenshot. Und erstaunlicherweise, die passen noch auf eine A4 Seite (Querformat).

Vom Textaufbau interessant und vor allem richtig. Einleitung, Einordnung wozu es dienen soll, Anmerkung, dass es ein „neuer, sich entwickelnder Sport” (!!! 🙂  ) ist, die Regeln nicht statisch sein können sondern angepasst werden. Und natürlich der Hinweis, dass immer nur die aktuellen gelten. Und auch auf die Präzedenzfälle geht man ein, dass es die nämlich nicht gibt. Interessant, wenn Geocaches archiviert werden, kann der betreffende Owner das im Forum zur Diskussion stellen und eine Mehrheit könnte dafür sorgen, dass der Cache zurück kommt!
Interessant finde ich ausserdem, dass das Thema kommerzielle Geocaches schon präsent ist. Allerdings wird in diesen Guidelines nur beschrieben, was ein kommerzieller Cache ist.

„…direct or indirect (either intentional or non-intentional) attempt to solicit customers through a geocaching.com listing. …“ – “…direkter oder indirekter (vorsätzlicher oder nicht vorsätzlicher) Versuch, Kunden durch ein Geocaching Listing zu gewinnen…“

Diese Guidelines scheinen erstmal ein dreiviertel Jahr gehalten zu haben. Im März 2003 gab es nochmal eine Ergänzung und die passt dann nicht mehr auf eine Seite. Für einen Screenshot hat es allerdings noch gereicht.

Hier will ich gar nicht weiter ins Detail gehen. Primär wurden die Bedingungen für Virtual Caches und Locationless (Reverse) Caches massiv ausgebaut und ausgeweitet. Allerdings musste man sich nicht mehr so lange mit denen rumschlagen, denn rückblickend wissen wir ja, dass die letzten Locationless (Reverse) Geocaches zur Jahreswende 2005/06 archiviert wurden, wobei die Grosszahl im Verlauf des späten 2005 schon ins Archiv gegangen sein dürfte.

Ab Dezember 2003 ging es dann mit den Guidelines in die Vollen. Nicht nur, dass sie Länger und Grösser wurden, als dass ich sie noch vernünftig Screenshoten kann, Sie bekommen Struktur. Und endlich die eigene Adresszeile, nämlich [ http://www.geocaching.com/about/guidelines.aspx ]. Die gilt bis heute, allerdings wird umgeleitet vom „about“ darin auf „play“.
Und mit dieser Version hält man lange aus. Erst im Februar 2005 wird es die nächste grosse Überarbeitung geben. Und sie werden seit dem länger und länger…
Im September 2017 gab es erstmals einen Schub in die entgegengesetzte Richtung. Man versuchte sie zu entschlacken. Laut eigener Aussage Groundspeak hat man sie besser strukturiert und 15% der enthaltenen Worte konnten eingespart werden. Mein subjektives Empfinden merkte davon leider nichts.
Heute findet man die aktuellen Guidelines hier und obwohl man merkt, das strukturell wirklich ein guter Job gemacht wurde, nehmen sie vom Umfang doch viel Platz ein.

Wer bis hierhin durchgehalten hat mit Lesen, dem möchte ich an dieser Stelle ein paar Fragen stellen bzw Denkanstösse geben.

Sind die Guidelines, wie sie heute formuliert sind, erklärend, sinnvoll formuliert und erfüllen sie ihren Zweck?

Kann man etwas überregulieren? Und wenn ja, bringt das nicht nur neue Regeln mit sich? Und ist sowas nicht ein kaum zu durchbrechender Teufelskreis mit Regeln, die Regeln schützen, die Regeln schützen, …?

Wenn man davon ausgeht, dass viele der Regeln aufgrund der Zunahme der quantitativen Anzahl der cachenden Menschen nötig wurden, um diesen Hype (Peak 2011/12) irgendwie zu lenken, können dann Regeln jetzt wieder abgeschafft werden, wo es „ruhiger“ geworden ist? Hat diese strikte Reglementierung dem Hobby genutzt? Bzw. nutzt sie heute? Oder ist sie ein Hemmschuh für Kreativität, Extravaganz und eine zeitliche Bremse? Kann man Cachequalität durch Regeln ändern, positiv oder negativ?

Wie ist zum Beispiel Niantic, mit PokemonGo bei dessen Boom regeltechnisch umgegangen? Wurden dort Regeln eingeführt um bestimmte Entwicklungen zu beeinflussen oder lenken? Hat die teilweise entsetze Berichterstattung über das Verhalten von Pokemonspielern diesen Hype gerade befeuert?

Ich würde mich über eure Kommentare freuen! 🙂

*Deshalb explizit auf geocaching.com verwiesen, weil Dave Ulmer mit seiner Original Stash Hunt, also der Erfindung des Geocachings ja schon Regeln aufstellte. Interessantes zu der Geschichte des Geocaching erfährst du hier.

**Am Schluss nehme ich mir mal das Recht heraus, das Eingangs Gesagte nochmal auszuformulieren. Ich denke, diese Überreglementierung liegt daran, dass wir es „gerecht“ machen wollen. Wir wollen, dass es (scheinbar) gerecht und fair zu geht und jeder dasselbe bekommt wie der andere. Neben dem ungeheuren Verwaltungs- und Kontrollaufwand, der betrieben werden muss, um diese „Gerechtigkeit“ zu überprüfen und verteilen. Wir stellen für alles Regeln auf. Die kann jeder nachlesen und sich somit daran halten. Nun liegt es aber in der Natur von uns Menschen, dass wir uns, wenn wir Grenzen aufgezeigt bekommen gerne daran reiben, sie testen, überschreiten. Nur so zum Beispiel ist auch Lernen bei Kindern möglich. Problematisch wird es dann, wenn man versucht alle Eventualitäten vorher abzudecken, alle Eingangsbedingungen in die Regel zu formulieren und alle möglichen Konsequenzen unter Berücksichtigung dieser Bedingungen. Ich glaube am Beispiel oben mit der Entwicklung der Regeln für Geocachen sieht man das recht gut.

5 Gedanken zu „Lass uns Geocaching regeln…“

  1. Interressantes Thema. Im Grunde ist mein subjektiver Eindruck das Groundspeak die Regeln vorgibt wie sie wollen. Sucher-, Owner-, Foren-, Eventteilnehmer-,
    Facebookgruppen-, Whatsappgruppenmeinung Vorschläge, Anregungen usw. ist denen eigentlich egal. Es wird geregelt wie es passt, was zu unübersichtlichen Guidelines führt. Man die Anwendung und Auslegung dieser nicht immer nachvollziehbar verstehen kann (z.B. Grundstückseigentümererlaubnis in Deutsch v. Polen, nur ein Beispiel).
    Da mir das ganze zu kompliziert Ist (subjektiv wieder von Goodwill und Tagesform des Reviewers abhängt), führt es dazu, das bei mir seit Jahren Ideen für Caches liegen. Es aber nicht umgesetzt wird da ich mich mit dem Regelwerk nicht auseinander setzen will.
    Ein weitere Punkt dürfte auch die weite Spannbreite der Auslegung von “richtigem Geocaching” sein, nur T5er, Lost Places, Wandercaches, Multis, Powertrails usw. das alles führt dazu das man die Guidelines so möchte das sie für die eigene Cachevorliebe passen sollen.

    PS. Auch das Kommunikationsverhalten der Community hat sich ja über die Jahre verändert. sei es verbal wie auch technisch.

    Geofinder45

    • Danke für deine Gedanken.

      Ich denke nicht, das GS die Regeln willkürlich anpasst. Ich denke, sie lassen sich da schnell über die Dörfer treiben, mit Hauptaugenmerk natürlich auf amerikanisches Recht. Oft sind Entscheidungen aber sehr “komisch”, gerade wenn man eben nicht der US Justiz unterliegt. Vielleicht sollte man nationale Regeln aufstellen? Das wird natürlich aufs Ganze betrachtet sehr unübersichtlich. National gesehen würde es den Owner aber viel Sicherheit geben.

  2. Tja, das ist wie im echten Leben mit den vielen unübersichtlichen Gesetzen: Wenn sich alle mal ein bisschen zusammenreißen würden, könnte man vermutlich mit einem Bruchteil davon auskommen…

  3. Okay, dann anders formuliert. Nicht willkürlich, aber ich denke nicht das man auf Vorschläge der Community groß eingeht und nationale / regionale Gegebenheiten beachtet, z. B. CITO Brutzeiten. Okay ist nicht fair wird immer wieder als Beispiel angebracht.

  4. Ich bin da ganz ehrlich. Habe die Guidelines nicht gelesen und habe das auch nicht vor. Ich halte mich an meinem gesunden Menschenverstand und bin damit bis jetzt prima zurecht gekommen.
    Das ich nicht vom Bauern der Acker zerlatsche oder im Bio-Reservat auf dem Weg bleibe, ist für mich selbstverständlich.
    Aber für viele zählt ja: was nicht verboten ist, ist erlaubt.
    Und das macht die Sache knifflig.

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